Ein offener Leserbrief

Zu dem Kommentar „Güte wird nur respektiert, wenn sie sich mit Strenge verbindet“ vom 3. Januar 2017, erschienen auf WELT online

Ach, sehr geehrter Herr Richard Schröder, Altersmilde, die wünsche ich Ihnen.

Sie sind Jahrgang 1943 und schreiben noch Kolumnen. Toll, wie Sie das in Ihrem Alter noch machen. Meine Oma hat sich im Alter auch nicht gehen lassen. Jeden Tag ist sie noch in „die Stadt“ oder „ins Dorf“ gegangen. Jeder kannte sie dort. Sie hat auch noch fast bis ganz zum Schluss gelesen, vor allem Rosamunde Pilcher.

Respekt mit ohne blindem Gehorsam

Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, Jahrgang 1910 und 1915. „Gehe immer den untersten Weg,“ das war der Ratschlag, den meine Großmutter mir für’s Leben gegeben hat. Aber das schien für mich nicht so recht zu passen, war ich doch eher jemand, der gern nachhakte und die Dinge ausdiskutierte. Das habe ich von meinem Großvater.

Ich habe gelernt das Alter und die Weisheit, die sie mitbringt zu respektieren. Ich habe aber auch gelernt, dass Alter nicht zwangsläufig weise macht.

Mit Entsetzen jedenfalls habe ich Ihre Kolumne in der Welt gelesen. Sie schreiben nicht sehr stringent einen Kommentar, eigentlich über unbegleitete Flüchtlinge. Sie adressieren dabei sehr diffus die gesamte Gesellschaft. Dabei sind das allesamt Vorschläge für den Verwaltungsapparat, der für Flüchtlinge zuständig ist. Sei es drum, das machen zur Zeit sehr Viele.

Aber plötzlich schreiben Sie darüber, dass es auch notwendig sei, die staatlichen Hilfen für Alleinerziehende, nicht zu erhöhen. Weil es Frauen dazu verleitet, sich bedürftig zu machen. Und das ist ein ziemlich starkes Stück.

Haben Sie, Herr Schröder, sich auch nur mal eine Minute Gedanken darüber gemacht, dass die Abhängigkeit von einem Mann vielleicht die wesentlich schlechtere Alternative ist? Ist Ihnen außerdem klar, was eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater alles leistet, ohne Reichtümer dafür zu erwarten? Haben Sie einen Gedanken daran verschwendet, was es diesem Staat eigentlich wert sein sollte, dass Eltern auch alleine ihre Kinder ohne Not groß ziehen müssen?

Was Alleinerziehende tatsächlich umtreibt

Sind sie als evangelischer Theologe nicht dafür, dass der Fleißige seinen Lohn erhält? Und was ist mit den Vögeln? Sie säen nicht, sie ernten nicht und der Herr sorgt trotzdem für sie. Steht in der Bibel. Sie wissen wahrscheinlich sogar wo genau. Sie sollten aber auch wissen, dass viele Alleinerziehende mit ihren Kindern an den Rand gedrängt werden, nicht weil sie faul sind sondern weil sie strukturell benachteiligt werden und weil die Väter den Unterhalt für die Kinder nicht zahlen (das ist finanzielle Gewalt) oder nicht zahlen können (das ist Armut). Diese Single-Eltern haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, verdienen damit in der Regel weniger und werden besteuert wie Singles. Ihre Kinder wachsen in vielen Fällen mit Almosen, wie den Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, auf.

Ist Ihnen klar, was es bedeutet abhängig vom Willen anderer zu sein, wenn man alleine für sein Kind sorgt? Ist das die liberale Gesellschaft,  in die sich die Unbegleiteten Flüchtlinge aus einer „autoritär-patriarchalen Gesellschaft“ einfinden? Und sollte man diesen mit einem Frauen- und Mutterbild entgegenhalten, dass vor lauter Staub gar nicht mehr sichtbar war. Ich musste jedenfalls kräftig allergisch husten, als ich das las.

Lassen Sie die Schuldfrage in der Mottenkiste

Also was bitte schön ist verwerflich daran, ein Kind alleine und ohne Vater groß ziehen zu wollen oder zu können? Eine alleinstehende Mutter „aus Absicht“ wird von Ihnen hier eindeutig als Schmarotzer identifiziert, wenn sie genau das tut. Und ähnlich schreiben Sie über Flüchtlinge. Dass nicht nur gute Menschen kommen, kann man sich an drei Fingern abzählen, aber hier überwiegend einseitig über die schwarzen Schafe zu schreiben, finde ich schon nicht gut. Und als Maßnahme gegen diese schwarzen Schafe, Alleinerziehende knapp zu halten, vielleicht sogar um zu zeigen, dass hier nicht zu holen ist, das ist degoutant.

Sie unterteilen die Alleinerziehenden in solche „aus Schicksal“ und jene „aus Absicht“. Sie schreiben dazu: „Es ist eine sehr schwierige und unabschließbare Aufgabe, die einen von den anderen zu unterscheiden. Die Bedingungen für staatliche soziale Hilfe müssen deshalb immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie wirklich so formuliert sind, dass sie den Bedürftigen nichts Notwendiges vorenthalten, aber die Instrumentalisierung zum Zweck der Vorteilsnahme ausschließen.“ Da frage ich mich schon, welchen Verwaltungsapparat da noch aufgeblasen werden soll. Sie haben recht, das wäre teuer. Und nicht nur das.

Frauen und Flüchtlinge unter Generalverdacht

Sie werden als Theologe und Mitglied der SPD geführt aber ich sehe hier weder einen Mann der Nächstenliebe noch einen Sozialdemokraten aus Ihren Texten sprechen. Was Sie sagen wollen ist, dass Deutschland aufpassen soll, nicht ausgenutzt zu werden. Finanziell und sozial. Sie halten diesen Staat und seine Diener für zu blöd oder nicht in der Lage. Das ist nichts ungewöhnliches in diesen Zeiten. Vieles gibt es auch sicher zu kritisieren und zu diskutieren. Dass Sie aber fleißige Menschen, die die allermeisten Alleinerziehenden und auch Flüchtlinge sind, so diffamieren, das will und werde ich nicht unwidersprochen hinnehmen.

Ich kenne eine junge Frau, die beides, über das Sie hier schreiben vereint. Sie ist mit ihren zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Sie lernt deutsch und ist in der Lage, sich hier eine Zukunft für sich und die beiden Mädchen aufzubauen. Ob sie sich getrennt hat, den Mann verloren hat, weiß ich nicht. Und es spielt auch keine Rolle, Herr Schröder.

Es gibt gar keine bessere Investition, als dieser Frau und allen anderen Alleinerziehenden die Möglichkeit zu geben, für sich und ihre Kinder selbst zu sorgen. All diese Frauen (über eine Millionen) können sich jetzt keine Männer suchen, damit sie ihren Kindern ein gutes Leben bieten können. Und was ist überhaupt mit den Alleinerziehenden Männern? Unterscheiden Sie die auch in solche „aus Schicksal“ und „aus Absicht“? Die erwähnen Sie gar nicht und das spricht ja schon Bände.

Was mein Opa Ihnen geantwortet hätte

Nun könnte man sagen, „Komm, egal, es ist nur ein alter Mann, der ein bisschen zum Zeitvertreib schreibt. Außerdem war es normal früher, dass man sexistisch und frauenfeindlich war.“ Das lasse ich auf gar keinen Fall gelten! Ich kenne die alten Herren gut. So einen Unsinn habe ich aber noch von keinem älteren Mann vernommen. Ich habe meinen Opa oft vom Frühschoppen abgeholt, wenn meine Oma Sonntags mit mir aus der der Kirche (rheinisch-katholisch) kam. Sie machte den Sonntagsbraten fertig und ich holte den Großvater aus der Kneipe ab. Dort stand er, mit einem Glas Kölsch und diskutierte  mit seinen Freunden und Bekannten über alles mögliche. So frauenfeindlich hat er sich nie geäußert, auch nicht wenn er sich unbeobachtet fühlte. Dafür hatte er einen anderen Spruch auf Lager: „Komm hör opp“, hat er gesagt, wenn er sich mit jemandem über nicht einigen konnte. Ich zitiere ihn hier als Koryphäe mehr für Güte als für Strenge, aus vollem Herzen: „Komm hör bloß opp!“ Denn das würde er sagen, wenn er wüsste, was Sie hier alles von sich gegeben haben.

Fee Linke
Bonn

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