Kennt ihr Luise Schöffel? VAMV – 50 Jahre sittenlose Weiber (und Kerle)

Ein Grund zu feiern und sich zu erinnern

Heute genau vor 50 Jahren wurde der Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter (VAMV) gegründet. Gefeiert wurde das Ereignis bereits Mitte Juni in Berlin. Ursprünglich nannte er sich „Verband lediger Mütter“. Er hatte gleich zu Beginn Großes vor, nämlich das Grundrecht auf Schutz und Fürsorge des deutschen Staates für alle Familien, Mütter und Kinder durchzusetzen. Zu verdanken ist dies einer resoluten Frau aus Herrenberg. Ihren Namen, Luise Schöffel, kennen nicht so viele Menschen in Deutschland. Soweit ich weiß, ist nur eine einzige Straße nach ihr benannt. In ihrer Wahlheimatstadt Herrenberg in Baden-Württemberg gibt es seit 2007 den Luise-Schöffel-Weg.
Dabei hat diese Frau vor 50 Jahren etwas sehr wichtiges für viele Familien geleistet. Sie gründete den „Verein lediger Mütter“, der sich nicht nur für die Mütter sondern auch für die Rechte ihrer Kinder einsetzte, Kinder, deren Mütter nicht das Sorgerecht hatten. Das Jugendamt war der Vormund dieser unehelichen Kinder weil ihre Mütter nicht verheiratet waren.

Schöffel, war selbst die Tochter einer alleinerziehenden Mutter gewesen, die sie und ihre vier Geschwister in Mannheim groß gezogen hatte, nachdem der Vater früh verstorben war. Sie verließ als junge Frau ihre Heimatstadt und ging nach Berlin, wo sie zunächst als Stenotypistin in der Reichskanzlei und dann als Sekretärin des Widerstandskämpfers Peter Yorck von Wartemburg arbeitete.

Von Halbfamilien und liederlichen Weibern

1944 bekam Luise Schöffel ihren Sohn und zog nach Herrenberg. Sie schulte dort zur Lehrerin um. Als liederliches Weib wurde sie beschimpft, denn sie gehörte keineswegs zu den Kriegerwitwen, deren Männer gefallen waren. Sie und ihr Sohn galten bei den Ämtern als „Halbfamilie“.
De facto gehörte sie jedoch zu den vielen anderen Frauen, die nun ihre Kinder ohne Mann großzogen.
Nachdem ein Lehrer im Unterricht zum Thema Familie feststellte, dass Kinder, die ohne Väter aufwuchsen meistens Verbrecher würden, muss bei Luise ein Hemdblusenkragen geplatzt sein, dem ein wichtiger Entschluß folgte.
Sie gründete am 8. Juli 1967 den Verband lediger Mütter.

Bereits im Frühjahr hatte sie ein Chiffre-Inserat in drei Tageszeitungen setzen lassen. Darin stand „Ledige Mütter! Schließen wir uns in einem Verband zusammen!“
Das politische Klima war günstig. Willy Brandt, der unehelich geborene Sozialdemokrat war Außenminister der großen Koaltion geworden. Somit war auch er ein Kind aus einer „Halbfamilie“.
Auch Schöffel selbst war Sozialdemokratin. Sie machte mit ihrem neugegründeten Verband dann gleich Nägel mit Köpfen: Das Nichtehelichenrecht war eines der ersten Themen, die die resolute Herrenbergerin erfolgreich anging und damit maßgeblich dazu beitrug, dass nichteheliche Kinder den ehelichen gleichgestellt werden.
Dafür hagelte es auch Kritik von Konservativen und Traditionalisten. „Eine Ansammlung von sittenlosen Weibern“ sei ihr Verein, schrieb jemand. Dieser Hasspost kam allerdings damals noch traditionell mit der Post, aber anonym. Aber Luise Schöffel nahm es gelassen. Sie meinte dazu „Niemand wird geliebt, der Versäumnisse aufzeigt…und unerlässliche Forderungen stellt“.

Strukturelle Benachteiligung erkennen und bekämpfen

Der Verein erhielt andereseits auch prominente Unterstützung. Auch Alice Schwarzer setzte sich in den ersten Jahren für die Ziele des VAMV mit ein.
1976 wurde der Verband endgültig in „Verband alleinerzeihender Mütter und Väter“ (Die Mitglieder sprechen das Kürzel VAMV „famf“ aus).
Die Väter bleiben bis heute in der Minderzahl und in den 50 Jahren seines Bestehens sind die Probleme der Verbandsmitglieder geprägt durch eine strukturelle Benachteiligung von Frauen, wie das Ehegattensplitting und einem Familienbild, dass immer noch von einer Vater-Mutter-Kind-Konstellation ausgeht.
Und so erfahren auch alleinerziehende Väter ähnliche Probleme und Vorhaltungen. Ein Vater berichtete, dass ihm deutlich nahegelegt wurde, sich eine Frau zu suchen, nachdem er wegen der Krankheit eines Kindes auf der Arbeit gefehlt hatte.

Neue Herausforderungen für den VAMV

Die Probleme vieler Alleinerziehender ist, neben einer immer noch spürbaren Ächtung, auch vor allem finanzieller Natur. Alleinerziehende werden bis auf einen Freibetrag von rund 160 Euro im Jahr besteuert wie Singles.
Hinzu kommen die durchschnittlich geringeren Einkommen für Frauen, die Doppebelastung, die man ohne Partner(in) stemmen muss und Probleme Betreuungsplätze zu finden um arbeiten zu gehen. Viele Alleinerziehende arbeiten deswegen in Teilzeit. Ein im Koaltionsvertrag beschlossenen Rückkehrrecht zur Vollzeit ist im Frühjahr gescheitert. Das macht Alleinerziehende zu der Familienform die gemeinsam mit ihren Kinder trotz Fleiß und gutem Willen überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen sind.
Luise Schöffel hat seinerzeit den Verband gegründet, um ihn möglichst bald wieder überflüssig werden zu lassen. Leider ist dies noch nicht möglich.
Zunehmende soziale Kälte durch politische Ideologien, die vor allem marktorientiert sind und Menschen, die in finanzielle Bedrängnis geraten nicht ernst nehmen sowie diese zunehmend selbst für ihre prekäre Lage verantwortlich machen wollen, sind ein zunehmendes Problem für Alleinerziehende und ihre Kinder geworden. Das fiel kürzlich bei dem Minijob-Tweet von CDU-Generalsekretät Peter Tauber auch an anderer Stelle auf. Kürzlich vertrat auch der Journalist Christoph Schäfer in einem Kommentar bei der FAZ die Meinung, niemand werde schließlich gezwungen, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen und Kinder zu bekommen. Alleinerziehende kennen das schon länger. Auch Ihnen wird vorgeworfen, einfach nicht gut genug für ihr Auskommen gesorgt zu haben oder dass sie die Sozialleistungen, wie den erweiterten Unterhaltsvorschuss für ihre Kinder nicht wirklich benötigen.

Gemeinsam wird es leichter
War es zu Zeiten von Luise Schöffel und ihrem Sohn die moralische Ächtung so ist es heute die wirtschaftliche Ächtung, die den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse weiterhin notwendig macht.
Ich möchte zudem noch anmerken, dass der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, dessen amtierende Vorsitzende Erika Biehn aus Nordrheinwestfalen ist, nur so gut und durchsetzungsstark sein kann, wie seine Mitglieder. Es ist wichtig sich zu engagieren. Auch wenn wir Alleinerziehenden viel um die Ohren haben, so macht das Internet es möglich auch abends, wenn die Kinder im Bett sind, zu kommunizieren, sich auszutauschen und sich gegenseitig Input zu geben.
Dass Protest etwas nützt, haben Aktionen von Alleinerziehenden bereits mehrfach bewiesen. Der erweiterte Unterhaltsvorschuss ist da, die Hartz-IV-Kürzungen für Alleinerziehenden an den sogenannten Papa-Tagen wurden verhindert und ich habe guten Grund zur Annahme, dass auch in NRW bald wie von mir und vielen Unterstützern gefordert, einkommensschwache Familien eine Unterstützung zu einem Erholungsurlaub bekommen.
Wir Alleinerziehenden sind so kompetent, haben nur manchmal zu viel um die Ohren. Aber auch kleine Mini-Schritte helfen. Wer selber nicht genug Zeit oder Power hat, kann alleinerziehende Aktivistinnen und Aktivisten mit Zuspruch oder positivem Feedback motivieren oder kleine Aufgaben zur Unterstützung unternehmen.
Wenn wir alleine bleiben mit unseren Nöten und Sorgen kostet uns das mehr Energie als wenn wir zusammen stehen. Gemeinsam erreichen wir ungleich mehr und daher möchte ich allen Interessierten die Kampagne #VernetztEuch des VAMV-Landesverbandes NRW ans Herz legen. Ihr Motto #GemeinsamStark ist jedenfalls ganz im Sinn von Luise Schöffel und gilt auch noch nach 50 Jahren.

 

Ein offener Leserbrief

Zu dem Kommentar „Güte wird nur respektiert, wenn sie sich mit Strenge verbindet“ vom 3. Januar 2017, erschienen auf WELT online

Ach, sehr geehrter Herr Richard Schröder, Altersmilde, die wünsche ich Ihnen.

Sie sind Jahrgang 1943 und schreiben noch Kolumnen. Toll, wie Sie das in Ihrem Alter noch machen. Meine Oma hat sich im Alter auch nicht gehen lassen. Jeden Tag ist sie noch in „die Stadt“ oder „ins Dorf“ gegangen. Jeder kannte sie dort. Sie hat auch noch fast bis ganz zum Schluss gelesen, vor allem Rosamunde Pilcher.

Respekt mit ohne blindem Gehorsam

Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, Jahrgang 1910 und 1915. „Gehe immer den untersten Weg,“ das war der Ratschlag, den meine Großmutter mir für’s Leben gegeben hat. Aber das schien für mich nicht so recht zu passen, war ich doch eher jemand, der gern nachhakte und die Dinge ausdiskutierte. Das habe ich von meinem Großvater.

Ich habe gelernt das Alter und die Weisheit, die sie mitbringt zu respektieren. Ich habe aber auch gelernt, dass Alter nicht zwangsläufig weise macht.

Mit Entsetzen jedenfalls habe ich Ihre Kolumne in der Welt gelesen. Sie schreiben nicht sehr stringent einen Kommentar, eigentlich über unbegleitete Flüchtlinge. Sie adressieren dabei sehr diffus die gesamte Gesellschaft. Dabei sind das allesamt Vorschläge für den Verwaltungsapparat, der für Flüchtlinge zuständig ist. Sei es drum, das machen zur Zeit sehr Viele.

Aber plötzlich schreiben Sie darüber, dass es auch notwendig sei, die staatlichen Hilfen für Alleinerziehende, nicht zu erhöhen. Weil es Frauen dazu verleitet, sich bedürftig zu machen. Und das ist ein ziemlich starkes Stück.

Haben Sie, Herr Schröder, sich auch nur mal eine Minute Gedanken darüber gemacht, dass die Abhängigkeit von einem Mann vielleicht die wesentlich schlechtere Alternative ist? Ist Ihnen außerdem klar, was eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater alles leistet, ohne Reichtümer dafür zu erwarten? Haben Sie einen Gedanken daran verschwendet, was es diesem Staat eigentlich wert sein sollte, dass Eltern auch alleine ihre Kinder ohne Not groß ziehen müssen?

Was Alleinerziehende tatsächlich umtreibt

Sind sie als evangelischer Theologe nicht dafür, dass der Fleißige seinen Lohn erhält? Und was ist mit den Vögeln? Sie säen nicht, sie ernten nicht und der Herr sorgt trotzdem für sie. Steht in der Bibel. Sie wissen wahrscheinlich sogar wo genau. Sie sollten aber auch wissen, dass viele Alleinerziehende mit ihren Kindern an den Rand gedrängt werden, nicht weil sie faul sind sondern weil sie strukturell benachteiligt werden und weil die Väter den Unterhalt für die Kinder nicht zahlen (das ist finanzielle Gewalt) oder nicht zahlen können (das ist Armut). Diese Single-Eltern haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, verdienen damit in der Regel weniger und werden besteuert wie Singles. Ihre Kinder wachsen in vielen Fällen mit Almosen, wie den Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, auf.

Ist Ihnen klar, was es bedeutet abhängig vom Willen anderer zu sein, wenn man alleine für sein Kind sorgt? Ist das die liberale Gesellschaft,  in die sich die Unbegleiteten Flüchtlinge aus einer „autoritär-patriarchalen Gesellschaft“ einfinden? Und sollte man diesen mit einem Frauen- und Mutterbild entgegenhalten, dass vor lauter Staub gar nicht mehr sichtbar war. Ich musste jedenfalls kräftig allergisch husten, als ich das las.

Lassen Sie die Schuldfrage in der Mottenkiste

Also was bitte schön ist verwerflich daran, ein Kind alleine und ohne Vater groß ziehen zu wollen oder zu können? Eine alleinstehende Mutter „aus Absicht“ wird von Ihnen hier eindeutig als Schmarotzer identifiziert, wenn sie genau das tut. Und ähnlich schreiben Sie über Flüchtlinge. Dass nicht nur gute Menschen kommen, kann man sich an drei Fingern abzählen, aber hier überwiegend einseitig über die schwarzen Schafe zu schreiben, finde ich schon nicht gut. Und als Maßnahme gegen diese schwarzen Schafe, Alleinerziehende knapp zu halten, vielleicht sogar um zu zeigen, dass hier nicht zu holen ist, das ist degoutant.

Sie unterteilen die Alleinerziehenden in solche „aus Schicksal“ und jene „aus Absicht“. Sie schreiben dazu: „Es ist eine sehr schwierige und unabschließbare Aufgabe, die einen von den anderen zu unterscheiden. Die Bedingungen für staatliche soziale Hilfe müssen deshalb immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie wirklich so formuliert sind, dass sie den Bedürftigen nichts Notwendiges vorenthalten, aber die Instrumentalisierung zum Zweck der Vorteilsnahme ausschließen.“ Da frage ich mich schon, welchen Verwaltungsapparat da noch aufgeblasen werden soll. Sie haben recht, das wäre teuer. Und nicht nur das.

Frauen und Flüchtlinge unter Generalverdacht

Sie werden als Theologe und Mitglied der SPD geführt aber ich sehe hier weder einen Mann der Nächstenliebe noch einen Sozialdemokraten aus Ihren Texten sprechen. Was Sie sagen wollen ist, dass Deutschland aufpassen soll, nicht ausgenutzt zu werden. Finanziell und sozial. Sie halten diesen Staat und seine Diener für zu blöd oder nicht in der Lage. Das ist nichts ungewöhnliches in diesen Zeiten. Vieles gibt es auch sicher zu kritisieren und zu diskutieren. Dass Sie aber fleißige Menschen, die die allermeisten Alleinerziehenden und auch Flüchtlinge sind, so diffamieren, das will und werde ich nicht unwidersprochen hinnehmen.

Ich kenne eine junge Frau, die beides, über das Sie hier schreiben vereint. Sie ist mit ihren zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Sie lernt deutsch und ist in der Lage, sich hier eine Zukunft für sich und die beiden Mädchen aufzubauen. Ob sie sich getrennt hat, den Mann verloren hat, weiß ich nicht. Und es spielt auch keine Rolle, Herr Schröder.

Es gibt gar keine bessere Investition, als dieser Frau und allen anderen Alleinerziehenden die Möglichkeit zu geben, für sich und ihre Kinder selbst zu sorgen. All diese Frauen (über eine Millionen) können sich jetzt keine Männer suchen, damit sie ihren Kindern ein gutes Leben bieten können. Und was ist überhaupt mit den Alleinerziehenden Männern? Unterscheiden Sie die auch in solche „aus Schicksal“ und „aus Absicht“? Die erwähnen Sie gar nicht und das spricht ja schon Bände.

Was mein Opa Ihnen geantwortet hätte

Nun könnte man sagen, „Komm, egal, es ist nur ein alter Mann, der ein bisschen zum Zeitvertreib schreibt. Außerdem war es normal früher, dass man sexistisch und frauenfeindlich war.“ Das lasse ich auf gar keinen Fall gelten! Ich kenne die alten Herren gut. So einen Unsinn habe ich aber noch von keinem älteren Mann vernommen. Ich habe meinen Opa oft vom Frühschoppen abgeholt, wenn meine Oma Sonntags mit mir aus der der Kirche (rheinisch-katholisch) kam. Sie machte den Sonntagsbraten fertig und ich holte den Großvater aus der Kneipe ab. Dort stand er, mit einem Glas Kölsch und diskutierte  mit seinen Freunden und Bekannten über alles mögliche. So frauenfeindlich hat er sich nie geäußert, auch nicht wenn er sich unbeobachtet fühlte. Dafür hatte er einen anderen Spruch auf Lager: „Komm hör opp“, hat er gesagt, wenn er sich mit jemandem über nicht einigen konnte. Ich zitiere ihn hier als Koryphäe mehr für Güte als für Strenge, aus vollem Herzen: „Komm hör bloß opp!“ Denn das würde er sagen, wenn er wüsste, was Sie hier alles von sich gegeben haben.

Fee Linke
Bonn